Manche Menschen gaben mir die Rückmeldung, dass der
Titel dieses Buches sie abschrecke. Ich fragte, ob es am Untertitel liege? "Nein, nein, ICH soll ein Anfang sein?!?"
Na klar! Wer denn sonst?! Wenn man selbst mit dem vorhandenen Angebot
unzufrieden ist, kann man den 1. Schritt machen und etwas Neues
erschaffen - allein schon, um glücklich zu sein. Ich verstehe sehr gut,
dass es sich erst einmal nur nach mehr Arbeit und einer anstrengenden
Zeit voller zusätzlicher Aufgaben anhört, doch wir sollten nicht
unterschätzen, wieviel wir dafür zurückbekommen. Nehmen wir an, dass wir
christlich aufgewachsen sind, jedoch nicht hinter der Kirche als
Institution stehen können; zudem interessieren wir uns für druidische
Themen, fühlen uns allerdings nicht als Heiden oder "Neu-Heiden",
auch nicht als selbsternannte Druidenpriester oder Wicca; allein dies zeigt:
wir können nicht in die Kirche gehen und auch nicht zu einem
Heidentreffen, weil wir uns zu keiner der beiden Gruppierungen zugehörig
fühlen. Wenn wir eine Spiritualität leben (wollen), die zu keiner der
uns umgebenden Gruppen passt, wir uns jedoch gerne austauschen und
Gleichgesinnte finden möchten, uns also nicht verleugnen wollen - was bleibt uns?! Wir können aus uns selbst heraus etwas Neues gründen und
das betrifft nicht nur spirituelle Themen, sondern so viel mehr auf
dieser Welt! Im Herbst letzten Jahres habe ich selbst mich nach einer
Reise an die Kraftorte Irlands, umgeben von spirituellen, gleichzeitig bodenständigen, offenen und warmherzigen Menschen gesehnt und nach dem
irischen Priester Seán ÓLaoire. Diese gab es jedoch nur in meiner
Vorstellung, nicht in einem Katalog als Anzeige. Der Wunsch, etwas zu
erleben, das mir zutiefst entspricht und mich glücklich machen würde,
war die zündende Kraft SELBST den Anfang zu machen. Ich fragte Seán, ob
er meine Idee unterstützen würde und er sagte begeistert zu. Ich fragte
die Teilnehmerinnen meiner Jahresgruppe, die begeistert waren und ich
fragte Menschen, von deren "irischer Sehnsucht" ich wusste. Es war
unglaublich, wieviele Menschen sich nach einer spirituellen Irland-Reise
mit fundiertem Hintergrundwissen sehnten. Also begann ich alles zu
planen, ein Haus für eine große Gruppe zu suchen (was gar nicht so
einfach war), Preise zu vergleichen, sinnvolle Routen zu entwickeln, um
alle heiligen Orte der Umgebung anfahren zu können und dennoch nicht
einfach nur touristisch abzuhaken, sondern auch viel Zeit zum meditieren
zu haben, morgendliche Meditationen, eine Seminarausschreibung mit
Programm für 8 Tage zu erstellen und und und... Erst nach einigen
Monaten hatte ich das perfekte Haus gefunden und der Reise stand nichts
mehr im Wege. Es war so viel mehr zu planen, als ich zuvor gedachte
hatte und es war ein spannender Prozess insgesamt - belohnt wurde ich
mit einer Gruppe, in der wirklich jeder zupackte, mitkochte oder
Küchenarbeiten verrichtete, bei der Endreinigung mithalf (und zwar so
sehr, dass die Vermieter des Ferienhauses mir eine email sendeten und
sich bedankten, weil deren Haus noch niemals so sauber hinterlassen
worden war), mit dem Gefühl einer Zugehörigkeit zu Menschen und der
damit verbundenen Sicherheit NICHT ALLEIN ZU SEIN, tiefgründigen
Gesprächen über vielfältige Themen, gemeinsamen Ritualen an Orten der
Kraft und ursprünglichen Schönheit einer Insel, die so viel mehr als
einfach grün ist, einem zweitägigen Seminar mit einem großartigen
Lehrer, der nicht mehr nach Deutschland kommen wird... ach, es wäre
unmöglich wirklich alles aufzuzählen, womit ich beschenkt wurde. Ich habe allein einen Anfang gemacht und bin damit nicht allein geblieben. Wir alle sind beschenkt zurückgekehrt.
Und nun frage ich: kann es denn etwas Schöneres geben, als selbst
der Anfang von etwas zu sein, das dann authentisch, vollständig und ganz und gar zu mir passt?!
Ich finde nicht! Wir können nicht ermessen, was wir zurückerhalten
werden und es ist allemal besser, eine große Anstrengung zu unternehmen,
um etwas Authentisches und Beglückendes auf die Beine zu stellen - als
uns ständig und immerwährend anstrengen zu müssen, zu etwas
dazuzupassen, das wir nicht sind. Jeder Mensch verdient es, sich von
gleichgesinnten Menschen getragen und begleitet zu fühlen und niemand
sollte sich diese Chance selbst verwehren.
Deswegen teile ich heute an dieser Stelle einen Artikel von Dirk Grosser zu seinem Buch und ermutige JEDE/N, der Anfang von einer glücklichen, authentischen und beseelten Welt zu sein! Es lohnt sich...
Der Wunder gewahr werden

Unsere
Welt ist erfüllt von Wundern: das azurblaue Aufblitzen eines Eisvogels,
der dampfende Atem eines Hirsches im ersten Morgenlicht oder das Lachen
eines spielenden Kindes, völlig selbstvergessen und versunken in dem,
was sich gerade der Wahrnehmung offenbart. Phänomene und Geschehnisse –
alles in sich vollkommen und von einer inneren Heiligkeit getragen. Eine
Heiligkeit, an der wir Anteil haben können, wenn wir unserer Erfahrung
vertrauen. Nichts, was ist, wächst, wird und vergeht, benötigt
vorgestellte Götter, die seinem Dasein etwas hinzufügen. Wir können den
Eisvogel als Eisvogel und den Hirsch als Hirsch wertschätzen - und nicht
etwa, weil wir davon ausgehen müssen, dass irgendein Gott sie aus dem
Nichts geschaffen hätte... Wir können die Dinge sehen, wie sie sind,
jede Pflanze, jedes Tier, jeden Menschen in ihrem und seinem So-Sein
wahrnehmen. Der innere Wert eines Lebewesens hängt nicht von seiner
angeblich göttlichen Herkunft ab, sondern von seinem Sein in der Welt,
seiner Einzigartigkeit, seiner Fülle, der er durch sein Leben Ausdruck
verleiht.
Dies zu erfahren, die Welt wirklich zu sehen und auch in sich
selbst dieses Sein wahrzunehmen, ist eine freie Form der Spiritualität,
die ganz im Gegensatz zu einer dogmatisch geprägten Sicht, wie sie
Religionen vertreten, steht.
Religion: totes Konstrukt
Während Spiritualität uns ein Leben aus der Tiefe ermöglicht, welche
das Leben in all seinen Facetten und Aspekten achtet, ist die Religion
oft ein totes Konstrukt, welches das Leben in vorgefertigte
Begrifflichkeiten einordnen und somit unter Kontrolle halten möchte.
Spiritualität ist das eigene, individuelle Herantasten an das Heilige.
Religion ist die Schublade, für die alles, was nicht passt, passend
gemacht werden soll.
Jörg Starkmuth schrieb den schönen Satz:
"Hätte ich keine Namen für das, was ist, wäre ich umgeben von Wundern."
Das ist die Offenheit eines spirituellen Geistes, der keine Regeln
braucht, wie Erfahrung sein soll und darf. Mit einem solchen Geist
brauchen wir auch keine selbsternannten Hüter der „reinen Lehre“, die
diese vermeintlichen Regeln eifersüchtig bewachen.
So wird ein
Verhältnis zur Welt möglich, was nicht von Herrschaftsgedanken, sondern
von echter Teilhabe durchdrungen ist. Es gibt dann kein Dogma und auch
niemanden, der ein solches aufstellen könnte. Unser spiritueller Weg ist
ein lebenslanges Forschen, ein Staunen über die Vielfalt, die sich im
Kosmos offenbart und welche auch in uns wirkt.
Staunen und Stille
Das Staunen lässt unsere Begriffe, unsere Namen für die Phänomene
leiser werden und schließlich verschwinden. Die nachfolgende Stille
ermöglicht uns ein noch tieferes Schauen, in welchem wir uns selbst als
Teil einer Entfaltung des Lebens erfahren. Wir entdecken, dass wir an
grundlegenden Qualitäten des Seins teilhaben, dass in uns selbst und in
allem, was lebt, der offene Raum des Bewusstseins erkannt werden kann.
Das, was uns alle grundlegend miteinander verbindet – jenseits jeder
Theorie, Religion, Philosophie oder Kultur -, ist die schlichte
Tatsache, dass wir hier sind. Hier an diesem Ort im Universum. Wir sind
gemeinsam auf diesem Planeten, gemeinsam in dieser Welt, diesem Kosmos.
Gemeinsam mit allen anderen Wesen auf diesem Planeten rasen wir mit
107.000 km/h um die Sonne. Wir stammen von demselben Ort, unser Ursprung
ist dieselbe Singularität, mit der unser Universum begann, unsere
Entwicklung ist den gleichen Gesetzen der Evolution unterworfen.
Wir
können in der mystischen Schau, im Moment der Stille, erfahren, dass
die Natur unser aller Mutter ist – dass es eine unsichtbare Nabelschnur
gibt, die uns alle mit dem Urgrund und deshalb auch miteinander
verbindet.
In uns ist der Ursprung enthalten, tief eingewebt in
unsere Zellen, in unsere Gedanken und unsere Träume. Das Leben, das das
Universum durchwirkt, durchwirkt auch uns. Es gibt Momente, in denen
dies ganz klar gesehen werden kann. Momente, die uns hineinziehen in die
Wirklichkeit, wie sie sich in eben diesem Augenblick vor uns ausbreitet
und in denen das wirklich Heilige des Lebens für uns sichtbar wird. Ein
Sonnenaufgang nach einer langen Nacht, der erste Atemzug an einem neuen
Tag, ein Tier, welches uns plötzlich im Wald gegenüber steht und ebenso
überrascht ist wie wir, ein Lachen, das unsere Traurigkeit durchbricht.
Der Moment des Staunens, der die Bewertungen unseres Ego auflöst und
uns einfach da sein lässt. Ganz, heil, heilig.
Das religiöse Schema und die Illusion der Trennung
Religionen sind an diesen eigenen Erfahrungen verständlicherweise
weniger interessiert. Was ohne priesterliche Vermittlung geschieht, kann
einer auf Machterhaltung ausgerichteten Institution nur zuwiderlaufen.
Überall funktioniert Religion nach dem gleichen Schema: Es wird den
Menschen eingeredet, es bestehe eine Trennung zwischen ihnen und dem
Göttlichen und gleichzeitig wird sogenannte „Hilfe“ angeboten, diese
Trennung zu überwinden. Selbstverständlich nicht ohne ein gewisses
Entgelt zu verlangen, welches meist im Abgeben der eigenen
Verantwortlichkeit und Macht besteht.
Doch diese Trennung ist
eine hausgemachte Illusion. Niemals haben wir unsere Zugehörigkeit
verloren. Das, was ist, die Welt der Phänomene, die uns umgibt, lädt uns
ein, in ihr all das zu entdecken, wonach wir uns immer schon sehnten.
Die Phänomene, die einfach vorhanden sind und ohne unsere Benennung und
Einordnung in einen religiösen Kontext auskommen.
So können wir
uns selbst im Tanz mit dem Universum entdecken und feststellen, dass
Bezeichnungen unserer selbst, wie unsere Nationalität, unser Geschlecht,
unser Glauben, unsere politische Orientierung, unsere sexuelle
Ausrichtung etc. an Wichtigkeit verlieren. All das ist noch da, alle
kleinen Identitäten sind nach wie vor vorhanden, doch unsere wahre
Identität öffnet sich in der Weite des Alls und erfährt den Geschmack
der Einheit. Unser innerster Kern erwacht und in der Zugehörigkeit zu
diesem grenzenlosen Kosmos entdecken wir, dass unsere eigenen Grenzen
verschwinden. Die mystische Erfahrung öffnet unseren Geist und zerbricht
nach und nach die Grenzen unseres Denkens, befreit unser Herz und lässt
uns in reinem Gewahrsein dessen, was ist, ruhen. Plötzlich sind wir von
Wundern umgeben!
Diese Erfahrung gehört, obwohl sie universell
ist und alles mit allem verbindet, ganz uns. Es ist unser Erleben der
Einheit, die in diesem Moment in uns stattfindet. Wenn wir versuchen,
diese Erfahrung mitzuteilen, dann können wir das nur mit unseren ganz
eigenen Worten. Niemand außer uns kann unsere universelle und doch
einzigartige Erfahrung ausdrücken. Keine Religion, keine Philosophie,
keine Sekte, keine Ideologie ist uns so nah wie wir selbst und unser
Erleben, welches uns im tiefsten Inneren berührt.
Pur, nackt, offen…
Im Mosaik des Lebens ist unsere Erfahrung des Urgrunds ein wichtiger
Stein, ohne den das Bild nicht vollständig ist. Wir brauchen nicht fünf
Weltreligionen, sondern sieben Milliarden einzigartige Zugänge, um uns
dem gesamten Bild des Kosmos anzunähern. Wir brauchen die Freiheit jedes
einzelnen Geistes, um die Freiheit zu erkennen, die allem im Kosmos
zugrunde liegt.
Die Welt der Phänomene, die Welt der Natur führt
uns auf diesem Weg in die Freiheit. Wir müssen keinem Ismus angehören
und müssen uns auch keinem zuordnen lassen. Weder dem Buddhismus noch
dem Paganismus und auch nicht dem Atheismus. Vielmehr können wir einfach
Leben sein, Erfahrung in einer momentan menschlichen Form, pur, nackt,
offen, in Verbindung mit der Welt um uns herum. Sehen, wahrnehmen,
staunen, der Natur in all ihren Facetten begegnen. Wir können uns
bemühen, so viel wie möglich zu erfahren und so wenig wie möglich zu
deuten! Je mehr wir deuten und je genauer wir den Inhalt unseres
Glaubens definieren (wie Religionen es immer tun), desto enger wird
unser Weltbild. Je mehr Menschen vorgeben, von „ihrem Gott“ zu wissen
und „seinen Willen“ zu kennen, desto mehr schränken sie ihren Geist ein.
Die eigene Fantasie wird dann oftmals als Wort Gottes dargestellt, weil
es uns weiterer Erklärungen zu entheben scheint.
Mut zum Nicht-Wissen
Spiritualität ist jedoch auch der Mut zum Nicht-Wissen, welches sich
im offenen Staunen erleben lässt und welches den Verführungskünsten von
Intoleranz und Dogmatismus mit Leichtigkeit widersteht.
Das
Heilige dieses Kosmos ist offen und frei sich zu entwickeln. Dieses
Heilige, verstanden als allem innewohnende und alles durchdringende
Kraft und nicht als eine als göttlicher Allvater wirkende Entität, ist
weit und bietet Platz für unsere eigene Entfaltung, unsere Fragen und
unser Leben mit diesen Fragen.
Der „alte Mann auf der Wolke“ und
seine Religionen sind eng und stehen jeder freien Entwicklung aufgrund
ihrer eigenen Angst vor Kontroll- und Machtverlust skeptisch gegenüber.
Dieses System bietet die immer gleichen Antworten, welche nicht zu
hinterfragen sind. Stille wird mit Dogma gefüllt, der offene Geist auf
die das Dogma erhaltenden Gebote geeicht und begrenzt. Die Weite des
Raums wird zu einer wiederholbaren Meinung geschrumpft.
Alan
Watts, ein wahrer Freidenker, fasst es so zusammen: „An Gott zu glauben
und nach dem Gott, an den du glaubst, auszuschauen heißt, lediglich
Bestätigung einer Meinung zu suchen.“
Der menschliche Geist ist
aber grenzenlos. Die Stille, die uns in meditativen Momenten erfüllen
kann, muss nicht mit dem Lärm vorgefertigter Antworten erstickt werden.
Wir selbst haben die Wahl und müssen genau und ehrlich untersuchen, ob
wir den Mut haben, ohne letzte Antworten leben zu können. Die Frage ist:
Möchten wir die Marionetten einer fremden oder die Helden unserer
eigenen Geschichte sein? Nur jenseits aller ausgetretenen Pfade riecht
die Erde frisch. Das gilt für unser ganzes Leben und insbesondere für
unsere Spiritualität.
Abb: © Stefan Korber - Fotolia.com
Dieser Artikel erschien im Magazin "Sein"
Dirk Grosser
schreibt für verschiedene
spirituelle Magazine, ist Co-Autor diverser Bücher (u.a. mit Wolf-Dieter
Storl) und seit einigen Jahren im Verlagswesen tätig, wobei er
vorrangig
Bücher zu Naturspiritualität und den mystischen Zweigen der
Weltreligionen lektoriert, bearbeitet und herausgibt. Seine zweite große
Leidenschaft gehört der Musik: Er hat in
verschiedenen Bands gespielt, an den Soundtracks zu zwei
Dokumentarfilmen mitgewirkt, spirituelle Seminare auf Djembe, Darbuka
und Cajon begleitet und gemeinsam
mit der Trommelgruppe Viatores die CD „Donnerseele“ veröffentlicht.
http://wildeweisheit.blogspot.com